Mamma mia! – Visuelle Reartikulationen von Mutterschaft in der Gegenwart
Vortrag von Prof. Dr. Elena Zanichelli
Wo eine Mutter ist, da ist auch eine Familie. So selbstverständlich diese Aussage klingt, so unterschiedlich können Mutterbilder sein. Dass wir heute in einer Phase der zunehmenden Veränderung traditioneller Familienkonzepte stehen, wird oft mit der zunehmenden, neoliberalistisch geprägten Individualisierung von Arbeits- und Lebenskonzepten in Bezug gebracht. Familie wird heute umbenannt, ihr Wirkungsraum mit Adjektiven ausgedehnt – die Rede ist von erweiterter Familie, auch von multikultureller Familie. Ausgeweitet wird ‚Familie‘ sprachlich auch durch Komposita: Patchwork-Familie, Regenbogen-Familie, LGTB- Familie, multilokale und multinationale sowie multikontinentale (Welt-)Familien. Und doch: Die (Re-)Artikulation und Veränderung innerfamiliärer Werte und ihrer Funktionen im Sozialleben ist im 21. Jahrhundert selbstverständlich nicht neu. Sie ist eng verbunden mit dem vorwiegend von feministischen Theoretikerinnen in den 1970er Jahren thematisierten Konflikt zwischen Freiheit und Gleichheit, dem Privatbereich des familiären Haushalts, der Reproduktionsarbeit und der darin implizierten Arbeitsteilung.Aktuell ist zudem mit dem Konzept der sogenannten bereuenden Mutterschaft eine Kontroverse um die ‚Mutterrolle‘ entfacht.
Der Vortrag betrachtet ‚neue’ Mutterbilder als künstlerische Verhandlungen von Mutterschaft und fragt nach der Rolle einer nach wie vor umkämpften Mutterschaft im Verhandlungsfeld ‚neuer’ (Wahl-)Familienkonstellationen. Es wird deutlich, dass Muttersein nicht gleich Mutterschaft erzeugt. In Umwandlung eines berühmten Satzes von Simone de Beauvoir lässt sich heute sagen: Frau wird nicht zur Mutter geboren, sondern sie wird es erst.